Dienstag, 26. Februar 2013

Eine aufregende Woche


Meine Gastmutter bat mich um Unterstützung sie beim Impfen der Kinder zu begleiten. Wie verabredet am Dienstagmorgen, um 09:00 Uhr zu gehen, klingelte um 11:00 Uhr mein Telefon. Sie schaffe es nicht nach Hause zu kommen, ob ich denn mit den Kindern zum Krankenhaus komme. „mit Allen??“? „Ja!“
Sie schickte mir ein Boda und so fuhr ich mit Misha und den Zwillingen auf dem Schoß in die Stadt.
So kommt die Familie von A nach B

Die Kinderstation- echt interessant.
Wir haben die Babys selbst gewogen und eine Schwester nahm die Daten auf und stellte ein paar Fragen. Die Mädels bekamen alle ein Vitaminpräparat und als Dankeschön pullerte mich eine der Zwillinge an, die andere spukte.
Trotz alle dem ist das Familienleben zurzeit sehr intensiv und die Bindung zu den Kindern wird immer enger, was den bevorstehenden Abschied nur noch schwerer macht.
Am Mittwoch haben mich Misha und die Mädchen mit einem „Happy Birthday“ empfangen.
Am Vormittag ging es aber nochmal an die Arbeit. Unsere Unternehmenssatzung für den Schwimmverein wurde auch akzeptiert J  und nun ist alles so richtig offiziell. Somit nutzten wir den Vormittag ein Bankkonto zu eröffnen und ich eilte noch zur Schule, um die Deutschstunden zu unterrichten.
Schon vor einer Woche habe ich die Anweisung bekommen an meinem Geburtstag ab um sechs zu Hause zu sein und auf Julia zu warten. Was nun auch immer geschehen mag, ich war für die Überraschung bereit.
Julia und eine Uganderin holten mich ab. Ich bekam eine Augenbinde aufgesetzt, wurde dreimal gedreht und wusste nicht mehr wo ich bin, geschweige denn, wo ich hingeführt werde.
„Schritt, Stopp, Bordstein“ waren die Anweisungen, bis sie mich noch in ein Matatu setzen und ich komplett verwirrt war. Wir stiegen aus „Stufe, Treppe, Stopp!“ Geflüster… Sie nahmen mir die Augenbinde ab und wir standen auf einer wunderschönen Dachterrasse eines Restaurants. Es war alles geschmackvoll bepflanzt und Fackeln und Laternen begleiteten uns durch den Sonnenuntergang. Es waren so gut wie alle Volontäre, andere Freunde und Mariam da. Wir aßen Abendbrot und genossen den schönen Abend. Neben kleineren Geschenken, bekam ich eine tolle von einer ugandischen Freundin selbst gebackene Geburtstagstorte geschenkt…mhhh lecker!!!



In einer kleineren Gruppe ließen wir den Abend in einem Club ausklingen.




Am Donnertag fuhr ich nach Kampala, um mich mit Irene zu treffen. Endlich!!! Irene hat ein Unternehmen, das mit der Early Learning kooperiert. Sie betreut Frauen in Gefängnissen und kümmert sich schwerpunktmäßig um deren Kinder.
So findet sie hin und wieder eines der Kinder auf der Straße oder im Busch lebend und versucht sie in Schulen unterzubringen und ihnen ein Dach über dem Kopf zu beschaffen. Einige der Kinder hat sie auch in unserer Schule untergebracht und wir hatten oft tolle Gespräche. So lud sie mich auch mal ein, so dass ich mir ihre Arbeit anschauen kann.
In der Fahrt im Matatu reichte sie mir einen Zettel mit einigen kurzen Beschreibungen und unserem Tagesablaufplan.
Allein das Lesen, der Schicksale war sehr ergreifend.
Ihr Sohn holte uns ab und wir fuhren in ein Dorf und holten fünf Kinder von einer Schule ab, auf die Irene sie zuvor gebracht hatte.
Nach einem kleinen Frühstück und das Verteilen meiner kleinen Geschenke, machten sich die Fünf schick und wir fuhren ins Gefängnis um ihre Mütter zu besuchen.
 Die Fahrt war aufregend, ich sprach mit den sehr netten und höfflichen Kindern. Doch viel aufregender war es für den sechs jährigen Amon. Es war nämlich seine erst zweite Autofahrt. Er war fasziniert und kommentierte alles haargenau. Er liebt Autos, besonders Busse und „wenn man fährt werden sie immer fetter, desto näher sie kommen“. Der Sparkassen-Ballon war auch ein absolutes Highlight für ihn. Wir hielten uns die Bäuche vor Lachen und er strahlte übers ganze Gesicht.
Amon wurde erst vor kurzen in einem Dorf gefunden, das er noch nie zu vor verlassen hat. Er ist bei einer Nachbarin aufgewachsenen, die ihn aber sehr schlecht behandelt hat. Auf die ständigen Nachfragen der gefangenen Mutter betreute ihn Irene für eine Weile und konnte ihn letztendlich aus dem Dorf und der Familie holen und in die Schule nahe Kampala bringen. Kurz nach seiner Geburt wurde er der Mutter entnommen. Heute war das erste Wiedersehen!
Wir passierten die Sicherheitskontrollen und setzen uns ins Besucherzimmer.
Nach und nach trudelten die strahlenden Mütter ein. Sie fielen uns um den Hals und begrüßten alle Anwesenden, dann erst ging jede zu ihrem Kind. Es ist keine Träne geflossen, ausgenommen von meinen, es waren so emotionale Augenblicke und ich war entsetzt von der Reihenfolge des Begrüßens. Ich hätte wohl als erstes mein Kind an mich gerissen und nicht eine wildfremde weiße Frau begrüßt.
Eine Frau nahm den kleinen Amon auf den Schoß. Es ist aber nicht seine Mutter erklärte mir Irene. Diese sehr junge Frau kam  seelenruhig herbei. Begrüßte uns, die anderen Mütter und wir zeigten ihr ihren Sohn. Sie setzte sich neben die Frau, die ihn stets auf dem Arm hielt und redete mit den Anderen.
Dem kleinen lebensfrohen Jungen hingegen ließ die pure Anwesenheit, der „Unbekannten“ und verwirrender Weise doch Bekannten  die Miene einfrieren. Er sagte nichts mehr. Später nahm ihn seine Mutter auf den Schoß und er schlief vor lauter Überforderung ein.

Einer der größeren Jungs war mir besonders sympathisch. Er war sehr aufgeschlossen und wir verstanden uns gut. Er war der Einzige, der immer noch auf seine Muttern wartete.
Sie kam herein. Ich wunderte mich über ihre, die zu den anderen gefangenen Frauen unterschiedliche Kleidung. Irene erklärte, dass man an dem Kleid erkennt, dass sie eine lebenslängliche Strafe (wirklich bis zum Tod) bekommen hat. Warum gerade die Mutter meines kleinen Freundes ???
Als nächstes trugen die Frauen Töpfe und Schüsseln voll Essen herein.
Sie kochten für ihre Kinder und es waren wirklich tolle und wertvolle Gerichte für ugandische Verhältnisse. Ich wunderte mich und Irene erklärte mir, dass sie durch harte Arbeit Geld sparen können, um das denn für die Vorbereitung des Besuches der Kinder in Nahrungsmittel und Geschenke einzutauschen.
 Eine Frau kam herbei geeilt schmiss sich vor mir auf den Boden und erklärte, dass sie gehört habe ich sei hier und komme aus Entebbe von der Early Learning. Sie ist die Mutter von Isaiha und wollte wissen wie es ihrem Sohn geht. Wann er wieder kommt und überhaupt.
Ich erzählte ihr was wir in den letzten Monaten in der Schule gemacht haben. Sie war stolz und glücklich über die guten Nachrichten.
Nach einigen Minuten kam sie wieder und schenkte mir eine kleine selbst gebastelte Tasche. Ich war überwältigt.
Einen andere Frau kam und stellte sich als Mutter einer weiteren Schülerin vor. Sie war sehr aufgeschlossen und wirkte gebildet.
Ich konnte viele Fragen an sie loswerden.
Das Leben im Gefängnis und danach…
Ich war ja sehr verwundert, dass es eine gefängnis-eigene Schule gibt und wenn die Frauen einen Sponsor finden, können sie eine Ausbildung genießen. Auch die freundliche Beziehung unter den Gefangenen und Wärtern war faszinierend und die ablaufende Besucher-Zeremonie mit den Kindern unfassbar.
Diese Frau ist seit 2000 hier und wird nächstes Jahr entlassen. Es kam eine Frage in mir auf an die ich hier noch nie gedacht habe. „und dann????“
Sie schaute traurig und konnte mir keine Antwort geben. Ich frage nach dem Vater ihrer Tochter. „Der hat schon ne neue Frau und Kinder“.
„Kannst du zu deiner Mutter gehen??“ Das ist ihre einzige Chance aber nicht gerade Hoffnung, weil die Familien natürlich keine Akzeptanz für eine Straftätige aufbringen können und auch nicht verzeihen.
Ihre verzweifelnde Lage, wir wollten es beide nicht aussprechen, dass „Lebenslänglich“ wohl die mindere Strafe ist, machte große Motivation in mir breit. Man kann gegen diese Perspektivlosigkeit ankämpfen!!!
Die Kinder und Mütter hatten nun ihr Mittagessen vertilgt und saßen gemütlich zusammen auf dem Boden. Jede Frau zauberte einen kleinen Beutel herbei. Geschenke. Zahnpasta, gebratene Nüsse, Socken, eine hatte sogar Kleidung für ihren Sohn geschneidert.
Wir verabschiedeten uns. Keine Tränen außer meine und wir gingen.
Zurück in Kampala nutze ich den angebrochenen Nachmittag und besuchte endlich die große und bekannte Gaddafi-Moschee bevor ich hier noch ganz ohne Sightseeing abreise.
Mit zwei Schwedinnen meldete ich mich zur Führung an. Wir wurden in muslimische Gewänder gewickelt und bekamen viele Informationen über den Islam und die Moschee. Die Gebetshallen sind riiiieesig!
Dann ging es noch auf den Turm, von wo aus wir einen traumhaften Blick über Kampala hatten.















Am Freitag war dann Rike´s Geburtstag ihre Mama und Tante sind ja gerade zu Besuch und sie luden mich ein zum Frühstück ins Hotel zu kommen. Toll!!
Danach fuhren wir drei nach Kampala, um auf den berühmten Freitags Women-Craft-Market zu gehen. Wir waren ja schon öfter dort. Doch die Mama war von den handgearbeiteten afrikanischen Sachen und Souvenirs begeistert. Ich auch denn es war ja mein vorerst letztes Mal.


Zurück in Entebbe bereiteten wir die Geburtstagsparty am Strand vor und feierten durch die Nacht.

,


Samstag fuhr ich wieder in aller Frühe nach Kampala und traf meine Nachbarin Elisa und zwei andere Volontäre ihrer Organisation. Mit einem der Gastväter fuhren wir vier nach Jinja.
Allein die Fahrt durch den regenwaldartigen Dschungel, die Tee-Plantagen und und und…es war wunderschön. In Jinja starteten wir aus einem der traumhaft schönen Resort eine Bootstour zur Quelle des Niles.
Nach einer kleinen Stadtbesichtigung und Mittagessen fuhren wir zu den Klippen und Bergen über dem Nil und fanden eine Bungysprung-Anlage leider nur zum Zuschauen J






















Seit einigen Tagen versuchte ich nun schon ein Treffen mit einem Gunter in Kampala zu arrangieren. Das war auch so ziemlich alles was ich von diesem Mann wusste. Richard (Schwimmverein) schickte mir seine Nummer und sagte ich solle mich mit ihm kurzschließen und über den Schwimmverein informieren – er ist auch Deutscher!
Samstagabend um sieben. Er war noch im Büro und erklärte mir den Weg.
„Ministry for education and sports-Uganda“ Wo bin ich hier eigentlich und das auch noch in meinen Freizeit-Klamotten.
An seiner Tür stand „Sports Development Expert“ Mir schlug das Herz bis zum Halse, er öffnete die Tür und empfing mich herzlich.
Ich erzählte kurz über den „International Swimming Club of Entebbe“ und wir stellten fest, dass wir beide Mitglieder der DLRG sind.
Endlich bot sich die Chance Statistiken über Ertrinkungsopfern in Uganda zu bekommen und eine riesige Tür öffnete sich.
„Halb 8 und ich bin immer noch im Büro, hast du schon gegessen“ fragte er und zückte sein Telefon, rief seine Frau an „Wir haben Besuch!“
Dank Klimaanlage heizten wir bei kühlen 18,5 °C in einem schicken BMW durch die Stadt, zum teuersten (Grundstückspreise) Berg Kampalas. Die Angestellten öffneten das Tor und empfingen uns. Die Frau eine super sympathische Indonesierin.
Eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft Ugandas und eine Sozialpädagogik-Studentin die gerade aus Deutschland in der Familie untergebracht ist aßen mit uns das leckere indonesische Gericht.
Später setzen wir uns über die Satzung des Schwimmvereins und nach einem Kreuzverhör sagte Gunter, dass er uns unterstützt. Alle anderen Pläne, Visionen  und Ideen würden den Rahmen meines Blogs sprengen.



Sonntag. Wie versprochen machten wir noch einen letzten Familiensonntag und gingen zum Picknick an den Strand. Es war toll. Henrike und ihre Mama kamen auch noch vorbei und wir machten uns einen tollen Nachmittag.













Wie versprochen erledigte ich auch noch den Shoppingnachmittag mit Ruths Partenkind. Ein neues Outfit und ein Koffe, sodass er private Sachen im Waisenhaus verstauen kann. Er war stolz wie Bolle. 






Abends machten wir eine Karaoke-Nacht mit einigen Volontären und ugandischen Freunden in einem Philippino- Restaurant.




Die letzten vier Tage brachen an und vergingen rasant. Es gab noch sehr viel zu tun und wir versuchten noch so viel wie möglich für den Schwimmverein zu erledigen. Außerdem ging ich jeden Tag zur Schule, um mit den Kindern zu spielen und die neben dem Unterricht sehr begrenzte Freizeit zu verbringen. Jeder Tag näher meiner Abreise wurde qualvoller. Mit den Kindern zu arbeiten, Freunde zu treffen und ganz geschweige die Gastfamilie zu sehen. Alle redeten von meiner Abreise, wann ich wiederkomme und es fiel mir schwer von einem Leben abschied zu nehmen, in dem ich mich trotz der krassen Umstände so wohl fühlte und manche Kinder konnte ich einfach nicht gehen lassen.
Es gab sicher viele Höhen und Tiefen in den drei Monaten Uganda. Unfassbares, das mit der Zeit zur Normalität wurde, schreckliche Geschichten, Schicksale und Umstände, Enttäuschungen; und im gleichen Atemzug sehr viele Erkenntnisse, Bereicherungen und Erfahrungen. Es ist eine unvergleichbare, komplett gegensätzliche Lebensform, die ich dort kennen lernen durfte, aus der ich einiges in mein zukünftiges Leben übernehmen möchte. Lässt man sich das mal durch den Kopf gehen, frage ich mich ob es stimmt was so viele sagen..."die Weißen gehen da runter, um den Afrikanern zu helfen".
Für mich war es ein Geben und Nehmen, ich konnte viel lernen, die Uganda haben mir als Ausländerin geholfen, den Alltag zu bewältigen; die andere Kultur oder Sprache kennen zu lernen. Somit war es auch für mich eine riesige Bereicherung.
Alles ist einfach etwas vollkommen Anderes, Vergleiche sind stellenweise gar nicht möglich.
An dem Beispiel einer Problembewältigung fand ich immer komplett unterschiedliche Lösungsansätze und nach einigen Wutausbrüchen meinerseits, stellte ich mich auf die ugandische Gelassenheit ein und siehe da; es funktioniert auch und der nicht vorhandene Stress zaubert einem sogar noch ein Lächeln auf die Lippen. Und das steht für die Uganda sowieso, auch im Rückblick sehe ich nur wunderschöne, strahlende Gesichter und im Takt der Musik wippende Körper vor meinem geistigen Auge und bin nach wie vor fasziniert von der Lebensfreude der Menschen.
Es war eine verhältnismäßig kurze Zeit, in der wir als Volontäre vieles geschafft, geschaffen und bewegt haben; sowie die Uganda auch etwas in uns bewegt haben. Gerade für den sozialen Beruf gab es unzählige und interessante Möglichkeiten Projekte zu gestalten, wo man in Deutschland schon bei der Idee an rechtlichen Grenzen scheitert.
 Es war eine kurze, doch sehr lehrreiche und intensive Zeit. Ich habe viele Erfahrungen und mal andere Einblicke in das Berufsfeld der Sozialpädagogik gesammelt, doch vor allem eine unvergessliche Zeit erlebt und bezaubernde Menschen kennen gelernt.
Ein besonderer Dank geht wie immer an meine Familie, Freunde und Bekannte, die mich in der Zeit unterstütz haben, doch auch bei Mariams Familie (meiner ugand. Gastfamilie); dem Schulverein und allen anderen Volontären möchte ich mich für die unvergessliche Zeit, Hilfe und Unterstützung bedanken.

1 Kommentar:

  1. danke Tersa für Deine interessanten Schilderungen Deines Einsatzes in Uganda. Du hast unsere Stadt auch mit Unterstützung Deines Vaters super vertreten . Es ist schön, dass es Leute gibt, die nicht nur an sich denken.
    Vielen Dank Detlev Nutsch

    AntwortenLöschen